Ein Engel in der Hölle von Auschwitz

Das Leben der Krankenschwester Maria Stromberger
€ 24,90
Lieferung in 1-3 Werktagen
-
+

„Meinen Reichtum an Liebe habe ich in Auschwitz verstreut“, schrieb die österreichische Krankenschwester Maria Stromberger im Juli 1946 resignierend an den ehemaligen Auschwitz-Häftling Edward Pyś nach Polen. Sie befand sich in einem Internierungslager für ehemalige Nationalsozialisten − wie sie schreibt „mitten unter Nazis, SS, Gestapo“. Das traf sie doppelt, hatte die erbitterte Gegnerin des NS-Staates doch in Auschwitz aktiv Widerstand geleistet, viele Häftlinge gerettet, Kurierdienste erledigt, Waffen und Sprengstoff geschmuggelt. Nachdem sie zwei ehemalige Auschwitzhäftlinge, die im Fieberwahn über Auschwitz berichteten, gepflegt hatte, ließ sie sich am 1942 freiwillig ins KZ Auschwitz versetzen, mit der Begründung: Ich will sehen, wie es wirklich ist, vielleicht kann ich auch etwas Gutes tun.

Die in der Geschichte des österreichischen Widerstands wohl einzigartige Frau war zu Lebzeiten zwar in Polen hoch angesehen, wurde in ihrer Heimat aber kaum gewürdigt. Dank vieler neuer Quellen legt der Autor hier eine umfassende Biografie Maria Strombergers vor.

Wir verzichten bei diesem Buch im Sinne der Umwelt auf die Verpackung mit Plastikfolie und haben das Buch klimapositiv produziert.


Harald Walser und Peter Huemer im Gespräch (Buch Wien 2021):

FALTER-Rezension

Biografie einer Aufrechten unter miesen Mitläufern

Harald Walser erzählt die lang verdrängte Lebensgeschichte von Maria Stromberger, die als Krankenschwester im KZ Auschwitz Leben rettete

Im April 1946 schalteten mehrere österreichische Zeitungen Fahndungsaufrufe. Gesucht wurde eine Krankenschwester namens Maria Stromberger, die im Konzentrationslager Auschwitz Inhaftierte mit Phenolspritzen ins Herz getötet haben soll. Das war die Vernichtungsmethode der Nazis, bevor sie ab 1941 das Giftgas Zyklon B für ihre Massentötungen einsetzten. Stromberger, damals 48 Jahre alt, wurde wenig später verhaftet und ins Internierungslager in Brederis bei Rankweil in Vorarlberg eingewiesen. Dort saß sie mit hochrangigen Nazis ein.

Es dauerte ein halbes Jahr, bis auch in Österreich begriffen wurde, wer diese Maria Stromberger wirklich war: keine Kriegsverbrecherin, sondern eine Heldin des Widerstands. In Haft schrieb Stromberger einen verzweifelten Brief an einen polnischen KZ-Häftling, den sie in Auschwitz betreut hatte und der dank ihrer Hilfe überlebte.

Unter den polnischen KZ-Überlebenden machte die erschütternde Nachricht aus Vorarlberg schnell die Runde. Unsere Maria, die uns so selbstlos geholfen und im Widerstand unterstützt hatte, in Haft? Die uns Essensrationen zugesteckt, Milch abgezweigt, Fotos und Informationen in Zahnpastatuben oder Haarbürsten versteckt aus dem KZ rausgeschmuggelt, ja sogar Waffen und Sprengstoff in unserem Auftrag transportiert hatte? Die dafür gesorgt hat, dass wenn einer von uns krank war, wir nicht zur Vergasung freigegeben wurden, sondern uns heimlich gepflegt hat, damit wir überleben? Die für uns wie eine Mutter war, polnisch lernte und mit ihrer offensichtlichen Fürsorge ihr eigenes Leben riskierte?

"Rettet Schwester Maria" titelte die Krakauer Zeitung Echo Krakowa im August 1946, ihr Chefredakteur, genauso wie der spätere polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, waren Häftlinge in Auschwitz und Mitglieder der dortigen Widerstandsbewegung gewesen. Cyrankiewicz, damals Generalsekretär der Polnischen Sozialistischen Partei, intervenierte bei den französischen Behörden, die in Vorarlberg als Alliierte damals bestimmten. So kam Stromberger frei.

Aber Anerkennung? Dank? Der blieb der Krankenschwester in Österreich zeitlebens verwehrt. Während sie in Polen als "Engel in der Hölle von Auschwitz" verehrt wurde, während sie in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz im Österreich-Teil sogar prominent gewürdigt wurde, war sie in ihrer Heimat nur innerhalb der KZ-Überlebenden-Verbände, die von Kommunisten dominiert waren, ein Begriff.

Als Maria Stromberger 1957 starb, erschienen in der kommunistischen Volksstimme und, überraschend, auch in der katholischen Furche kurze Nachrufe. Stromberger war gläubige Katholikin, aber keine Kommunistin. Sie war weder Opfer noch Täter, sondern eine mutige Einzelkämpferin, die in einem Terrorsystem versuchte zu helfen, wo es nur ging. Aus ihrer Lebensgeschichte ließe sich problemlos eine Netflix-Serie drehen, die viel über Aufrichtigkeit mitten im Unrecht erzählt. Aber Stromberger hat ihr Handeln nie glorifiziert, sondern lebte nach dem Krieg höchst bescheiden und zunehmend vereinsamt und depressiv. Nur einmal machte sie Schlagzeilen, als sie 1947 in Warschau im Prozess gegen den ehemaligen KZ-Kommandanten Rudolf Höß aussagte.

Sie passte in keine der Schubladen, die Österreich in den Nachkriegsjahren für seine Vergangenheit parat hielt. Sie hätte wohl viele ihrer Landsleute in ihrem Mitläufertum beschämt. Es sollte bis in die 1980er-Jahre dauern, bis ihre Lebensgeschichte aufgearbeitet wurde. Der Historiker und Ex-Politiker Harald Walser hat einen großen Anteil daran. Sein Buch, für das er auch Strombergers Nachlass auswerten konnte, setzt ihr ein würdiges Denkmal.

Barbaba Tóth in Falter 3/2022 vom 2022-01-21 (S. 20)

weiterlesen

Mehr Informationen
Reihe Fachbücher
Erscheinungsdatum 31.08.2021
Umfang/Seiten/Dauer 256 Seiten
Format Hardcover
Verlag/Label Falter Verlag
EAN 9783854397021