Wenn das in die Hose geht, sind wir hin

Chats, Macht und Korruption. Eine Spurensuche
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Noch komischer als in der österreichischen Polit-Realität von Bussi-Chats und Liebesschwüren wird es nur, wenn Florian Scheuba sich einmischt. Lesen, lachen, lernen!“ Bastian Obermayer, Frederik Obermaier (Süddeutsche Zeitung)
Hunderttausende Chat-Nachrichten auf einem Mobiltelefon aus dem nächsten Umfeld des mittlerweile zurückgetretenen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz erschütterten im Herbst 2021 die Republik. Sie lösten ein politisches Erdbeben aus, das noch stärker nachwirkt als das berüchtigte „Ibiza“-Video. Gekaufte Medien, perfide Intrigen, schamloser Postenschacher und Korruption verschiedener Ausprägung treten darin zutage. Es ist ein Lügengebäude, das seinen zuvor stets auf Message Control bedachten Erbauern nun um die Ohren fliegt.
Der investigative Kabarettist Florian Scheuba hat sich auf eine so spannende wie satirische Spurensuche begeben. Was er dabei fand, ist ein von Nebelgranaten verdunkeltes Trümmerfeld, das so manche Überraschung aus dem Innenleben der türkisen Parteifamilie bereithält.

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FALTER-Rezension

Anekdoten zum U-Ausschuss

Es sei für die Arbeit eines Kabarettisten nicht zwingend notwendig, dass man auch beim Lesen laut lache, aber ein Qualitätskriterium sei es allemal: Das schreibt der Schriftsteller Daniel Kehlmann ins Vorwort von Florian Scheubas neuem Buch. Scheuba liefert mehr als das. Seine Sammlung an Betrachtungen über die meist türkise und noch ein bisschen bläuliche Welt und ihre Gepflogenheiten (man will ja nicht Machenschaften sagen) liefert den anekdotischen Bass für den derzeit laufenden U-Ausschuss, salopp ÖVP-Korruptions-U-Ausschuss genannt. Scheuba trifft auf Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, dient als "unbotmäßiger österreichischer Innenpolitikbeobachter", seziert, erzählt die ungeheuerlichsten Geschichten, entführt in die Märchenwelt, und alles stellt sich als wahr heraus. Zur Ehrenrettung der Sozialdemokratie kommt der Dosko irgendwann auch noch vor. Schönste Analogie: als Scheuba das Zeitschinden der ÖVP im vorherigen U-Ausschuss (mit ähnlichem Thema) mit der Fußballschande von Gijón von 1982 vergleicht. Einziger Unterschied: Damals gewannen alle Beteiligten.

Eva Konzett in Falter 20/2022 vom 20.05.2022 (S. 23)


Die größte Freude, die man TATSÄCHLICHEN GAUNERN machen kann, ist zu sagen, dass eh alle Gauner sind

Die Intellektuellen, die Künstler, sie haben einen Vorteil: Sie sind keiner Partei Rechenschaft schuldig, über sie wachen keine Institutionen oder Lobbyistenverbände. Das macht ihre Aussagen mächtig. Wie mächtig, das haben zwei offene Briefe bewiesen, die vergangene Woche deutsche Feuilletons veröffentlicht haben. Ihr Adressat: der deutsche Kanzler Olaf Scholz (SPD). Ihr Ziel: Waffenlieferungen an die Ukraine zu verhindern beziehungsweise anzutreiben. Das Ergebnis: eine breite, kontrovers geführte, manchmal untergriffige, mitunter faktenwidrige, aber notwendige Debatte des "Wie stehst du zu diesem Krieg?".

Zu den Mitunterzeichnern des zweiten offenen Briefes zählen der deutsch-österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann und der österreichische Kabarettist und Publizist Florian Scheuba.

Die beiden hat der Falter zum Gespräch geladen. Über die Pflicht des Künstlers und Humor als Sicherheitsnetz. Zu viert trifft man sich über Zoom. Kurze technische Probleme. Schwarze Kacheln. Dann endlich erscheinen Scheubas Umrisse: "Grüß' Sie!", tönt es einem entgegen. "Ich freue mich auch", erwidert Kehlmann.

Falter: Herr Kehlmann, in Deutschland richten sich Intellektuelle über offene Briefe ihre Haltung zum Ukraine-Krieg, besonders zu deutschen Waffenlieferungen, aus. Sie haben den Brief unterzeichnet, der sich für Waffenlieferungen ausspricht. Warum?

Daniel Kehlmann: Der offene Brief, den Alice Schwarzer in der Zeitung Emma initiiert hat und der die Ukraine zur Kapitulation auffordert, hat viele meiner osteuropäischen Freunde wirklich entsetzt und getroffen. Dann ist der Journalist Deniz Yücel auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich nicht den Antwortbrief unterzeichnen möchte. Meine erste Reaktion war: "Um Gottes willen, ein zweiter offener Brief, das hat doch etwas Albernes." Ich glaube, den meisten, die da unterschrieben haben, ist nicht entgangen, dass das etwas unfreiwillig Komisches hat: "The Battle of Open Letters." Aber ich habe nun einmal das Entsetzen vieler Menschen aus Osteuropa über den ersten Brief gesehen und gedacht, dass es in diesem Fall wohl wirklich wichtig ist zu zeigen, dass es auch die andere Meinung gibt, nämlich die, dass wir der Ukraine auf jede Weise helfen müssen. Natürlich ohne selbst Kriegspartei zu werden.

Österreich als neutraler Staat darf keine Waffen liefern. Ist deshalb die Diskussion hier leiser, Herr Scheuba?

Florian Scheuba: Ich glaube, die Diskussion wird noch bei uns ankommen. Seit vergangener Woche ist auch eine neue Qualität der Verblödung aufgetaucht, in Form des Interviews, das Peter Weibel (österreichischer Konzeptkünstler, Anm.) im Standard gegeben hat. Weibel ist einer der Initiatoren des Emma-Briefes. Er hat erklärt, dass die Menschen aus der Ukraine auch vor der Korruption flüchten würden. Fragt sich, warum sie damit gewartet haben, bis sie von Putin überfallen wurden. Dann hat er noch gesagt, Russland habe das Recht, sich bedroht zu fühlen. Diese völlige Faktenbefreitheit kann man nicht hinnehmen. Da muss man aufstehen und sagen: Freunde, jetzt wird's lächerlich! Und so habe ich den Brief auch unterschrieben. Den zweiten natürlich.

Was können diese Briefe bewirken?

Scheuba: Der Sinn der Übung ist, dass die Leute darüber zu reden beginnen. Vielleicht bin ich Peter Weibel später dafür dankbar, dass er auch breitere Bevölkerungsschichten wie mich mit in die Diskussion hineingezogen hat, weil es offensichtlich notwendig war, ein paar primitiv-selbstverständliche Sachen zu formulieren. Bei einer Opfer-Täter-Umkehr mitzumachen ist einfach so was von daneben!

Kehlmann: Die Sache wird noch ein wenig absurder dadurch, dass ja in dem Moment, als die offenen Briefe geschrieben wurden, eigentlich alles schon entschieden war. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hatte die Waffenlieferungen an die Ukraine wenige Tage zuvor beschlossen. Es ging also eigentlich nur noch um die Meinung in der Öffentlichkeit. Wobei: Öffentlichkeit klingt gleich so großspurig. Mir ging es wirklich darum, den Polen und Ukrainern, die ich kenne, zu zeigen, dass es den anderen Standpunkt auch gibt.

Der deutsche Historiker und Osteuropaexperte Karl Schlögel kritisiert, Westeuropa habe die Ukraine nie auf der "Mental Map" gehabt. Erst das Schlachtfeld habe uns die Ukraine ins Bewusstsein gerufen. Haben wir wirklich den Krieg gebraucht, um zu verstehen, dass es da ein sehr großes Land an der EU-Außengrenze gibt, das nicht Russland heißt?

Kehlmann: Die Deutschen blenden Osteuropa gerne aus. Besonders ältere Intellektuelle haben oft das Bild von Deutschland auf der einen Seite, gleich daneben Russland, und über den chaotischen Flickenteppich von Osteuropa hinweg kommuniziert man miteinander. Die vitale Präsenz von Osteuropa fehlt in ihrem Weltbild. Das ist in Österreich zum Glück anders, in Österreich war aus historischen Gründen die Ukraine auch immer viel präsenter. Aber ich will mich da gar nicht ausnehmen. Mein Großvater wurde in Sawallja in der Westukraine geboren, ein jüdischer Deutschösterreicher, wie das damals hieß, noch zu Zeiten der Monarchie. Und trotzdem lese ich Karl Schlögels Buch über die Ukraine erst jetzt. Ich hätte es lesen können, als es herauskam, vor inzwischen auch schon ein paar Jahren. Habe ich leider nicht gemacht.

Auf beiden Briefen finden sich Namen von Personen, die sich durchaus vernünftig in diese Debatte eingebracht haben. Beide Positionen sind sehr klar und wirken unverrückbar. Ist das nicht auch Ausdruck einer großen Ratlosigkeit?

Kehlmann: So unverrückbar ist es gar nicht. Man muss nicht aus allem tiefste Spaltungen konstruieren. Die Schriftstellerin Juli Zeh, die den ersten Brief unterschrieben hat, hat mir gestern gesagt, wie gut formuliert, abgewogen und wichtig sie den zweiten fand und wie wichtig sie findet, dass alle Standpunkte zur Diskussion kommen. Und vielleicht haben einige den ersten Brief auch nur unterschrieben, weil sie die militärischen Entwicklungen nicht so genau mitverfolgt haben. Die Idee, dass die Ukraine nur verlieren könne und deswegen besser gleich kapitulieren sollte, hätte ich unter Umständen am zweiten Kriegstag auch für richtig gehalten. Aber jetzt, nach all diesen militärischen Erfolgen der Ukraine, sieht es doch etwas anders aus.

Scheuba: Die Diskussion mit Peter Weibel kann man vielleicht Nina Proll oder Roland Düringer überlassen. Aber für alle, die sich mit lauteren Motiven an dieser Debatte beteiligen, könnte man es ja auch so zuspitzen, dass es letztlich um zwei positive Begriffe geht und um die Frage, wie man sie gegeneinander abwägt und welchem man in welcher Situation den Vorrang gibt. Der eine ist der Begriff Pazifismus und der andere ist der Begriff Antifaschismus.

Kehlmann: Man kommt dann unvermeidlich doch wieder zu dem Philosophen Isaiah Berlin zurück und seiner Ansicht, dass die Demokratie sich dadurch auszeichne, dass in ihr die Werte kollidierten. Dieses Aufeinanderprallen kann man nicht sauber aus der Welt schaffen, sondern immer nur in Form von Kompromissen wegarbeiten, mit denen dann natürlich alle Beteiligten unzufrieden sind. Und das ist das Problem unserer Diskussionen, wie sie besonders in den sozialen Medien heute stattfinden: Niemand duldet unordentliche Kompromisse, überall herrschen radikale Reinheitsfantasien. Da scheint dann nur eine Meinung akzeptabel, und wer davon abweicht, den schreit man an. Ich erinnere mich, wie ich als Kind im österreichischen Fernsehen den "Club 2" gesehen habe. All diese kettenrauchenden Menschen, die miteinander diskutierten. Auch wenn viele sicher Blödsinn geredet haben, die unendliche Diskussion selbst hatte etwas Herrliches.

Scheuba: Die haben auch noch Alkohol trinken dürfen dort. Das hat das Niveau der Diskussion durchaus gesteigert.

Kehlmann: Sehr.

Inwiefern muss denn der Künstler, die Intellektuelle Position beziehen?

Scheuba: Ein Künstler muss grundsätzlich überhaupt nichts zu irgendetwas sagen, er hat keine prinzipielle Verpflichtung. Ich finde es dennoch legitim, eine Künstlerin wie Anna Netrebko zu fragen, wie sie die ganze Sache jetzt sieht. Es ist legitim, das zu fragen, weil sie vorher aktiv Propaganda für Wladimir Putin und die Abspaltung des Donbass gemacht hat. Es ist ebenso legitim, Herrn Waleri Gergijew (russischer Stardirigent, Anm.) rauszuhauen, weil er Teil des kriminellen Systems Putin ist. Das hat eine andere Qualität.

Kehlmann: Als Romanautor sollte ich eigentlich versuchen, nicht zu viele Meinungen zu haben. Nehmen wir "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust: Da spielt der Dreyfus-Prozess eine entscheidende Rolle. Proust hielt den Prozess, in dem ein jüdischer Offizier 1894 ohne ausreichende Beweise der Spionage angeklagt wurde, für eine antisemitische Katastrophe. Aber wenn man nur das Buch liest, würde man nicht draufkommen, welche Haltung Proust hat. Ich sehe das als eine Stärke, weil Proust so zeigen kann, wie dieser Konflikt in alle Verästelungen der Gesellschaft hineinwirkte. Oder denken Sie an Kafka, der auf faszinierende Weise unfähig war, eine abstrakte politische Meinung zu haben. Es liegt eine literarische Stärke in dieser Abstinenz von Meinungen. Das sage ich als jemand, der gerade einen offenen Brief unterschrieben hat (lacht). Das erste Mal zur Politik habe ich mich damals zur Zeit der Kurz-Strache-Regierung geäußert. Für mich war das eine Bedrohung der Demokratie. Dass Putins Feldzug nun ebenfalls eine Bedrohung der Demokratie ist, muss man nicht weiter erklären. Aber unterhalb solcher Bedrohungen ist es für einen Romanautor wohl doch besser, sich zurückzuhalten. Und zwar besser für die künstlerische Arbeit, für den unbeteiligten Blick, den sie braucht.

Bleiben wir bei Österreich. Herr Kehlmann, Sie schreiben im Vorwort zum neuen Buch von Florian Scheuba (siehe Seite 17), dass "Länder, in denen es mit rechten Dingen zugeht, zwar eine hohe Lebensqualität haben, aber ein schwaches Kabarett". Jetzt haben wir in Österreich ein sehr tolles Kabarett, was sagt das über das Land aus?

Kehlmann: Na genau das! Kabarettisten stellt man ja gern die Frage, ob sie überhaupt noch Kabarett machen können, wenn die Wirklichkeit ohnehin schon so absurd ist. Meiner Meinung nach ist das eine dumme Frage, ein reines Klischee. Natürlich kann man besseres Kabarett machen, wenn die Wirklichkeit aberwitzig ist, als wenn man Satire über die Straßenplanung in Oslo macht, die ich mir jetzt sehr vernünftig vorstelle. Natürlich war in Amerika politische Comedy in der Trump-Zeit besser als in der Obama-Zeit. Dort, wo Absurdität, Korruption, Gemeinheit und Dummheit herrschen, sind Kabarettisten am meisten gefragt.

Scheuba: Es gibt einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. Die Politiker wollen ja nicht Satire machen. Die sitzen nicht da und überlegen sich besonders Lustiges, damit das Volk etwas zum Lachen hat, auch wenn es manchmal so wirken könnte. Sie meinen das ernst.

Warum lassen sich die Österreicherinnen und Österreicher das eigentlich gefallen?

Scheuba: Ich erkenne einen gewissen Spin à la "Das machen eh alle so","Es sind ja alle Gauner". Das ist grundfalsch. Die größte Freude, die man tatsächlichen Gaunern machen kann, ist zu sagen, dass eh alle Gauner sind. Diese Verallgemeinerung greift leider in Österreich. Aber es ist nicht aussichtslos, wenn selbst Heinz-Christian Strache in der Lage ist zu differenzieren. Das wissen wir seit dem Ibiza-Video, wo er am Anfang sagt, dass die Novomatic alle zahle. Und später sagt er: Sie zahlt alle drei. Er meint damit die Sozialdemokraten, die Volkspartei und die Freiheitlichen. Wenn also sogar Strache in der Lage ist, bei politischer Verantwortung zu differenzieren, kann man es auch der österreichischen Bevölkerung zumuten und erst recht unseren Politikern.

Als die Justiz das Handy von Strache konfiszierte, meinte dessen Parteikollege Andreas Mölzer, das Gerät würde Stoff für die kommenden zehn Jahre liefern. Dann kam das Handy von Thomas Schmid. Haben Sie angesichts von 340.000 sichergestellten Chatnachrichten jemals gedacht: Florian, jetzt hast du ausgesorgt?

Scheuba: Letztlich hängt alles zusammen. Es hätte ohne Ibiza weder ein Schmid-noch ein Strache-Handy gegeben. Die aktuelle Diskussion um die Inseratenkorruption durch Wirtschaftsbund, durch Vereine, die Parteizeitungen herausgeben, etc. liegt auch im Ibiza-Video angelegt, wo Strache erklärt, dass verdeckte Spenden an die Parteien über die Vereine am besten funktionieren. Deshalb hat eine Korruptionsstaatsanwaltschaft angefangen, sich das genauer anzuschauen, und langsam kommen die Ergebnisse daher. Sie sind derart einschneidend, dass ich nur hoffen kann, dass sie tatsächlich etwas bewirken. Momentan schaut es danach aus, als würde ein System, das über viele, viele Jahre völlig unbeachtet gelaufen ist, zumindest einmal einen Rechtfertigungsdruck bekommen. Das sehe ich als eine sehr positive Entwicklung.

Kehlmann: Und vergessen wir nicht, der Mann, der das Ibiza-Video gemacht und all das ins Rollen gebracht hat, sitzt aufgrund eines -ich würde sagen -lächerlichen Beweises im Gefängnis. Für mich ist das einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik, und ich kann nicht verstehen, wie die Öffentlichkeit einfach achselzuckend darüber hinweggeht.

Sie sprechen den Prozess gegen Julian Hessenthaler an, der wegen des Handels mit 1,25 Kilo Kokain (nicht rechtskräftig) verurteilt worden ist. Das Urteil beruht vor allem auf sich widersprechenden Aussagen zweier suchtkranker Zeugen. Einer bekam vor der Aussage massive Geldzahlungen vom Novomatic-Lobbyisten Gert Schmidt. Das Gericht sah ausgerechnet in der Widersprüchlichkeit der Aussagen den Beweis, dass die beiden sich nicht abgesprochen hätten und deshalb die Wahrheit sagen.

Kehlmann: Genau. Ich habe die Urteilsbegründung gelesen, es ist überhaupt nicht zu fassen. Es ist ein echtes Schandurteil.

Herr Scheuba, Sie widmen dem Hessenthaler-Prozess ein Kapitel in Ihrem Buch und zitieren aus Unternehmensdokumenten, die Ihnen zugespielt wurden. Da steckt viel Recherchearbeit dahinter. Wie viel Präzision braucht es für eine richtig gute Pointe?

Scheuba: Zuallererst muss mich eine Geschichte interessieren, ich muss das Gefühl haben, dass das mehr Leute wissen sollten. Da finden sich laufend zu wenig beachtete Sachen. Das ist ein Phänomen der an sich kleinen Medienszene in Österreich, aber auch ein ganz generelles Problem. Es passiert so wahnsinnig viel, dass auch gutwillige und idealistische Journalisten nicht mehr damit nachkommen, alles abzudecken. Zwangsläufig gehen Sachen dabei unter. Die reizen mich dann oft besonders. Ein Beispiel: Momentan ist unsere Gasabhängigkeit von Russland ein Riesenthema. Wie ist es denn dazu gekommen? Wer hat das damals in der OMV verantwortet, welche Rolle hat der umtriebige Investor Sigi Wolf gespielt, welche Rolle der ehemalige OMV-Chef Rainer Seele?

Haben Sie schon eine Antwort?

Scheuba: Im Fall von Seele ist die Putin-Unterwerfung so weit gegangen, dass er sogar Putins Lieblingsfußballklub eine 25-Millionen-Euro-Spende für "Nachwuchsförderung" geschenkt hat. Von unserem Geld natürlich.

Sie beschreiben die Zustände mit Neologismen wie "Damokles-Handy", "Meinungsdesigner" und "Kanzler-Culture". Reicht denn der Duden nicht aus, um Österreich beizukommen?

Scheuba: Der Journalist Paul Lendvai hat in einer Rede kürzlich das Wort "Zudeckungsjournalismus" verwendet, das ich entworfen haben dürfte. Wenn es gelingt, solche Vorgänge in einen Begriff zu gießen, freue ich mich schon sehr. Natürlich habe ich da auch meinen Spaß daran. Ich habe Lust an einer Pointe, das ist ja auch meine Aufgabe. Wenn das auf fruchtbaren Boden fällt und Leuten gefällt, umso besser. Sätze wie "Vergiss nicht, du hackelst für die ÖVP, du bist die Hure für die Reichen"(Thomas Schmid an einen Kabinettsmitarbeiter im Finanzministerium, 2018, Anm.) hätte ich mich aber selbst in einer satirischen Überhöhung nie zu schreiben getraut. Das ist definitiv zu platt als Pointe. Und dann liefert der Chat-Partner noch die fantastische Antwort "Danke, dass wir das so offen besprechen können"!

Kehlmann: Deine Stärke, Florian, ist, dass du nie wütend wirst. Die Haltung und die Stimme in deinem Podcast beispielsweise ist immer eine von heiterem Amüsement. Dadurch entsteht eine künstlerisch produktive Reibung zwischen einem Inhalt, der Zorn erzeugt, und einem Vortrag, der überhaupt nicht zornig ist. Und ich denke mir schon, dass es schwer ist, da nicht zornig zu werden.

Warum werden Sie nicht zornig, Herr Scheuba?

Scheuba: Vielleicht, weil Humor für mich so wie Musik ein Grundlebenselement ist. Den Humor zu verlieren wäre für mich, wie das Gehör zu verlieren. Bei Themen, die mich ärgern, ist der Humor einfach Schutz und Waffe gleichermaßen. Humor ist auch eine Form von Notwehr. Wenn ich diese Notwehrwaffe nicht mehr hätte, würde ich mich sehr geschwächt fühlen.

Herr Kehlmann, Sie haben den früheren österreichischen Kanzler Sebastian Kurz einmal das "größte politische Talent unserer Zeit" genannt.

Kehlmann: Sie müssen den zweiten Teil des Satzes aber auch zitieren, da meinte ich: "Schade, dass so jemand keine Prinzipien hat." Aber auch das mit dem Talent muss ich auf dem gegenwärtigen Wissensstand etwas modifizieren. Ich hätte mir diesen ganzen Blödsinn mit dem Beinschab-Österreich-Tool nicht träumen lassen. Ich verstehe noch nicht einmal, warum sie das ganze Theater gemacht haben. Die Idee, über gefälschte Umfragen in der Gratiszeitung Österreich an die Kanzlerschaft zu kommen, ist doch völlig absurd. Das wäre so, als wenn ich die Furche für eine gute Rezension bestechen wollte, um so an einen Literaturnobelpreis zu kommen. Es wäre illegal, aber vor allem so untauglich! Nein, wenn man sich ansieht, wie Sebastian Kurz sich bewegt hat, wie er aufgetreten ist, wie er immer wieder unter Druck nicht zusammengebrochen ist, wie gut er kommuniziert hat, dann muss man doch anerkennen, dass da ein echtes politisches Talent war. Kurz hat mich fasziniert, ja. Aber seine Leere und völlige Skrupellosigkeit haben es eben dann doch völlig ruiniert. So ein Talent war er dann eben doch nicht. Da wissen wir jetzt mehr.

Taugt er zur literarischen Figur?

Kehlmann: Für eine Hauptfigur ist er zu glatt. Menschliche Wahrhaftigkeit ist bei ihm nie sichtbar geworden. Sehen Sie sich im Vergleich dazu jemanden wie den deutschen Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen an. Auch das ist ein politischer Profi, aber man empfindet immer ein echtes menschliches Gegenüber. Und das macht Habeck dann letztlich auch zum größeren politischen Talent. Ich höre immer wieder Leute sagen: "Ich wähle nicht die Grünen, aber Habeck ist wirklich ehrlich, dem glaube ich." Können Sie sich diesen Satz über Kurz vorstellen? Wahrhaftigkeit gehört eben doch dazu, irgendeine Form von Tiefe. Dass sie bei Kurz so sehr gefehlt hat, macht ihn zu einer tauglichen literarischen Nebenfigur, aber als Hauptfigur disqualifiziert es ihn.

In Deutschland und in Österreich regieren die Grünen mit. In Deutschland seit langem wieder, in Österreich das erste Mal. Wo machen sie es besser?

Scheuba: Ich kann es nur für Österreich beantworten: Das Positive, das die Grünen in Österreich vollbracht haben, war das Zurückdrängen des Systems Pilnacek. Das ist für die österreichische Justiz eine enorme Befreiung. Ohne diesen Schritt wären wohl all die Geschichten, über die wir heute reden, wegadministriert worden wie damals die Eurofighter-Causa. Dass Alma Zadić im Justizministerium zumindest das ermöglicht hat - und es war ein schwieriger Kampf -, ist für mich der zentrale Punkt. Natürlich wäre mehr drin gewesen und ist auch noch mehr drin für die Unabhängigkeit der Justiz. Diese Leistung rechtfertigt für mich aber bis zu einem gewissen Grad die Arbeit der Grünen in der Regierung, die ja doch am Anfang sehr defensiv angelegt war.

Herr Scheuba, Herr Kehlmann, zum Schluss noch zurück zur Ukraine. Kannten Sie Wolodymyr Selenskyj vor dem Februar 2022?

Scheuba: Ich habe 2018 über ihn recherchiert. Damals hatten wir als "Staatskünstler" die Programmidee: Was würde passieren, wenn wir in die Politik gingen? Und da habe ich mich mit Selenskyj beschäftigt, der ja erst einen Präsidenten gespielt hat, bevor er selbst Präsident der Ukraine wurde. Mit den "Staatskünstlern" haben wir es dann nicht weiter verfolgt, weil der Ibiza-Skandal öffentlich wurde. Ich finde es interessant, dass Selenskyjs Erfahrung in der Showbranche bei manchen Kommentatoren jetzt so eine große Rolle spielt. Mir scheint das nicht relevant für die aktuelle Situation in der Ukraine zu sein. Diese Fixierung auf "den Comedian" empfinde ich eher als einen Putin-Propaganda-Spin. Im Sinne von: Dieser Mann kann keine seriöse Politik machen, er ist ein Gaukler. In der Lesart Moskaus ein "faschistischer Nazi-Antisemiten-Gaukler".

Kehlmann: Mir war Selenskyj sehr präsent, weil ich ja in den USA gelebt habe. Erinnern Sie sich an den berühmten Erpressungsanruf Donald Trumps bei Selenskyj am 25. Juli 2019? Der hat letztlich zum ersten Impeachment geführt. Mir ist damals aufgefallen, wie klug und schlitzohrig im guten Sinne Selenskyj Trump da vorgeführt hat. Er hatte ja nie im Sinn, eine unbegründete Untersuchung gegen Hunter Biden, den Sohn von Joe Biden, einzuleiten, obwohl Trump ihn zu erpressen versucht und zugesagte Waffenlieferungen eingefroren hat - wären übrigens die Javelin-Raketen, um die es damals ging, wirklich nicht geliefert worden, hätten die Russen jetzt Kiew eingenommen. Jedenfalls hat Selenskyj in der ganzen Sache sympathisch, geschickt und klug agiert, und seither hatte ich ihn auf dem Schirm. Im Gegensatz zu Sebastian Kurz wäre Wolodymyr Selenskyj natürlich eine große Romanfigur. Ein Comedian, der eine eher alberne, sehr breite, ein bisschen vulgäre Comedy-Show hat, dann halb zum Scherz zur Wahl antritt, schließlich Präsident wird. Und dann im Krieg zu einem großen Präsidenten - also zu jemandem, der dem historischen Moment, auf den er nicht vorbereitet war, plötzlich gewachsen ist. In einem Roman von mir würde er alles überleben und danach wieder schlechte Comedy machen. Aber es wäre nur ein guter Roman, wenn man es erfindet. Jetzt hat die Wirklichkeit uns Autoren diesen Stoff weggenommen. Der Krieg geht weiter. Die Geschehnisse werden sich in die Geschichte einschreiben. Die ukrainische Stadt Mariupol wird in der Topografie der verbrecherisch vernichteten Städte neben Coventry und Guernica stehen, jenen von der NS-Luftwaffe zerstörten Städten, deren Namen sprichwörtlich wurden.

in Falter 19/2022 vom 13.05.2022 (S. 14)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552073166
Erscheinungsdatum 11.04.2022
Umfang 160 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Format Taschenbuch
Verlag Zsolnay, Paul
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