Müll

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Kurzbeschreibung des Verlags:



„Beim Müll geht es ja immer um das Trennen. Darum sag ich, Müll beste Schule für das Denken. Weil du hast die Kategorien, sprich Wannen. Ohne die klare Trennung kannst du jedes Recycling vergessen. Und da bin ich noch nicht einmal bei den Problemstoffen.“

 
Auf einem der Wiener Mistplätze (dt.: Altstoffsammelzentrum) herrscht strenge Ordnung, bis eines Tages in der Sperrmüllwanne ein menschliches Knie gefunden wird. Schnell tauchen in anderen Wannen weitere Leichenteile auf, die entgegen der Mistplatzordnung und zum großen Leidwesen der Müllmänner allesamt nicht korrekt eingeworfen wurden. Nur vom Herz des zerlegten Toten fehlt jede Spur. Die Kripo weiß nicht weiter. Zum Glück ist unter den Müllmännern ein Ex-Kollege, der nicht nur das fehlende Herz samt Begleitschreiben findet, sondern auch nie vergessen hat, was man bei Mord bedenken muss. Und damit steckt Simon Brenner nicht nur in einem neuen Fall, sondern auch bis zum Hals in Schwierigkeiten.

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FALTER-Rezension

"Jeder Makel birgt zugleich einen Reiz"

Der Brenner ist zurück und er arbeitet jetzt bei der Müllabfuhr. Autor Wolf Haas im Gespräch über seinen neuen Roman, über Mülltrennung, Sexszenen, Älterwerden und Zahnlücken

Wenn man bei der Lektüre auf Komposita wie "Ehewut", "Hirntodbemerkung", "Biertrinkernicken", "Einbrechergymnasium", "Mistbuddhismus" oder "Kuvertwatschn" stößt, dann befindet man sich mit ziemlicher Sicherheit in einem Roman von Wolf Haas. Mit "Müll" legt der gebürtige Pinzgauer nun den bereits neunten Kriminalroman um die Figur des ehemaligen Inspektors und nachmaligen Privatdetektivs Simon Brenner vor, der 1996 in "Auferstehung der Toten" seinen Erstauftritt hatte. Die nächsten fünf Brenner-Romane folgten in Abständen von ein bis maximal zwei Jahren.

Von "Der Knochenmann" (1997) bis "Das ewige Leben" (2003) begannen alle von ihnen mit dem Satz "Jetzt ist schon wieder was passiert". Danach hatte Haas die Brenner-Serie erst einmal für beendet erklärt und mit "Das Wetter vor 15 Jahren" (2006) einen Roman in Interview-Form vorgelegt. Seitdem fährt der Autor, dem es wie kaum einem anderen Schriftsteller deutscher Sprache gelungen ist, die Kritik ebenso zu begeistern wie ein breites Publikum, zweigleisig und veröffentlicht sowohl Krimis wie "Der Brenner und der Liebe Gott" (2009) und "Brennerova" (2014) als auch Romane wie "Verteidigung der Missionarsstellung" (2012) und "Junger Mann" (2018).

In "Müll" begegnen die Leserinnen und Leser Simon Brenner auf einem Wiener Mistplatz, wo - ohne dass der mittlerweile zum geflügelten Wort gewordene Satz fiele - natürlich schon wieder was passiert ist: "Die ersten Leichenteile sind in der Wanne 4 aufgetaucht. Also ein Knie war das Erste, ist ja eh alles in der Zeitung gestanden, muss ich jetzt nicht so im Detail. Rechtes Knie, soweit ich mich erinnere. Aber egal, rechtes oder linkes Knie, in Wanne 4 gehört kein Knie hinein. Da ist sogar egal, ob es ein menschliches Knie ist oder ein tierisches Knie, nicht einmal ein Titanknie darf da hinein, und das Knie von einer Wasserleitung auch nicht, weil Wanne 4 nur Sperrmüll."

Weitere Körperteile folgen sozusagen auf dem Fuße: "Und ob du es glaubst oder nicht. In dieser Viertelstunde zwischen Knie und Polizei haben die Müllmänner schon den halben Menschen zusammengesetzt gehabt, Puzzlemeister Hilfsausdruck." Womit Haas gleichsam im Vorübergehen auch noch seinen Kollegen und Büchner-Preisträger Clemens Setz, Autor des Tausendseiters "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre", freundlich auf die Mistschaufel nimmt und sich erneut als eminent komischer Autor erweist, der Ironie, Sophistication und schiere Albernheit auf so charmante Weise zu vereinen weiß wie sonst kaum einer.

Falter: Herr Haas, Sind Sie mit dem Ausdruck "Karottinger" respektive "Karottenballett" vertraut?

Wolf Haas: Nein, aber ich vermute, dass es um die Wiener Müllabfuhr geht?

Vollkommen richtig. Ich hätte eigentlich erwartet, dass diese Bezeichnungen in Ihrem Roman vorkommen.

Haas: Tut mir leid, aber ich habe die tatsächlich nicht gekannt. Die Uniformen sind mittlerweile allerdings aus dermaßen tollen Leuchtstoffen, dass da niemand mehr auf "Karotte" kommen, sondern nur noch an Science-Fiction denken würde.

Die Männer und Frauen von der MA 48 sind dennoch fixer Bestandteil der Wiener Folklore, oder?

Haas: Keine Frage. Die Kinder in meinem Haus fahren irre drauf ab. Wenn die Müllabfuhr kommt, herrscht High Life!

Da gibt es echtes Heldenpotenzial -"weil heute Wien beste Mistplatzordnung auf der ganzen Welt", wie es in "Müll" einmal heißt.

Haas: Das hat sich die Wiener Sozialdemokratie als schönste Feder an den Hut gesteckt: Die Müllabfuhr funktioniert, also ist Wien eine super Stadt.

Und ist das falsch? Man weiß aus Mafia-Filmen ja, was los ist, wenn die nicht funktioniert.

Haas: Keine Frage, das ist ein echter Machtfaktor.

Sind Sie ein fanatischer Mülltrenner?

Haas: Nein, auf dem Sektor bin ich durchschnittlich ambitioniert. Ich fahre allerdings gerne auf Mistplätze. Entgegen der Annahme, dass Müll für Unordnung und Schmutz steht, kann man kaum einen besser geordneten und aufgeräumten Ort finden als diese Mistplätze.

Fahren Sie dann auch in die Dresdner Straße?

Haas: Ja, aber den haben sie leider zugesperrt, während ich an dem Roman geschrieben habe. Ich habe kurz überlegt, ob ich das einbauen soll.

Dort haben Sie recherchiert?

Haas: Das wäre zu viel gesagt. Ich habe bloß meinen Müll portioniert, damit ich öfter hinfahren kann, als ich eigentlich müssen hätte.

Wie oft war das?

Haas: Im Verlaufe der Arbeit am Buch vielleicht sieben Mal. Es gibt eigentlich nicht viel zu sehen, weil eh alle Mistplätze gleich sind. Aber man wird wieder zu einem Dreijährigen, der sich über die Bagger freut, die da rumfahren. Und die verschiedenen Kategorien sind faszinierend!

Wie viele Wannen gibt es denn?

Haas: Das ist von Mistplatz zu Mistplatz verschieden, aber ich habe behauptet, dass es 33 sind, weil mein Buch 33 Kapitel hat.

Und wären Sie jetzt ein potenzieller "Wetten, dass ..?"-Kandidat, der weiß, was wo in welche Wanne kommt?

Haas: Ich weiß nicht einmal, ob die Nummerierung an den verschiedenen Mistplätzen identisch ist.

Wanne eins?

Haas: In der Dresdner Straße war das "Altkleider".

Schuhe?

Haas: Muss man, wie ich zu meiner Überraschung erfahren habe, in den Restmüll schmeißen.

Es gibt am Mistplatz auch eine Restmüllwanne?

Haas: Eben nicht. Ich musste meinen ganzen Sack mit Schuhen wieder mitnehmen. Es soll wohl verhindert werden, dass sich die Haushalte die Tonne sparen.

Was meinem Trennungsethos widerspricht und mich total fertig macht, ist, dass man Dosen, PET-Flaschen und Tetrapaks in den gleichen Container schmeißen soll.

Haas: Das ist relativ neu in Wien. In Deutschland läuft das wieder anders, da werden "Wertstoffe" in dieselbe Tonne geworfen, die dann offenbar später nachsortiert werden.

Robert Gernhardt hat sich seinerzeit den Kopf darüber zerbrochen, wie man einen Teebeutel korrekt entsorgt: Inhalt in die Bio-, Beutel in die Altpapier-, Klammer in die Altmetall-und Faden in die Altschnurtonne

Haas: Ich frage mich immer, ob man in Klarsichtfolie eingeschweißte Werbebroschüren einfach in die Altpapiertonne schmeißen darf oder ob man

Um Gottes Willen! Die müssen Sie selbstverständlich rausnehmen. Der Inhalt kommt zum Altpapier, die Hülle in den Foliencontainer.

Haas: Das hätte ich ohnedies vermutet.

Es gibt zwei Großärgernisse in Sachen Altpapiertonnen. Wollen Sie die bitte benennen?

Haas: Plastikflaschen und nicht zusammengefaltete Kartonschachteln.

Ganz genau. Wie halten Sie es mit Sondermüll und Problemstoffen?

Haas: Ich habe erst unlängst einen Laden in der Heinestraße entdeckt, wo sie Druckerpatronen zurücknehmen.

Dann können Sie mir vielleicht auch raten: Wo entsorge ich Sodakapseln?

Haas: Das würde ich schon auf den Mistplatz zu den Metallen bringen.

Wie halten Sie es mit Büchern?

Haas: Ehrlich gesagt würde ich gerne 80 Prozent davon wegschmeißen.

Was hält Sie davon ab?

Haas: Dass ich beim Aussortieren spätestens beim 17. Buch zu lesen anfange. Mir ist das auch schon oft mit Zeitungen auf dem Weg zum Altpapier passiert. Hinzu kommt noch das Problem mit den eigenen Büchern. Wenn wieder mal 3000 Taschenbücher nachgedruckt werden, kriegt man drei Belegexemplare. Was soll man mit denen machen?

Die eigenen Bücher wegschmeißen wäre schon arg autoaggressiv.

Haas: Ich habe mir schon überlegt, ob ich mir von einem Designer nicht einen Tisch aus gehäckselten Büchern machen lasse - so wie sie im Flex den Boden mit Vinylschallplatten belegt haben.

Das ist eine schöne Idee. Bei Ihnen kommt da ja wirklich einiges Material zusammen. Welcher Roman ist denn Ihr Bestseller?

Haas: Das kann ich gar nicht sagen. Die ersten fünf Bücher sind ja nur als Taschenbuch erschienen, die im Hardcover haben sich im Prinzip besser verkauft. Von denen sind in den letzten 15 Jahren immer so um die 100.000 weggegangen. Wobei die Schwankungsbreite erstaunlich gering ist.

Auch vom Umfang sind Ihre Bücher ja ziemlich konstant?

Haas: Ja, das entspricht einfach meiner Grundkondition.

Sie schreiben aber noch immer im Sprinterstil?

Haas: Ja. Mehr als ein oder zwei Stunden am Tag habe ich wohl noch nie geschrieben.

Was ist die beste Zeit?

Haas: Am besten ist es noch vor dem Frühstück, bei einem gschwinden Kaffee. Als ich angefangen habe, dachte ich immer, das geht nur am Abend. Aber dann hat man's auch den ganzen Tag vor sich. Das ist eigentlich unattraktiv. Außerdem war ich als junger Mensch in der Früh immer so down. Eine Vorlesung um neun Uhr war fast nicht zu bewältigen. Inzwischen bin ich in der Früh voll fit.

Und wie viel schaffen Sie da?

Haas: Wenn ich gut drauf bin, kriege ich in einer Stunde schon vier Seiten zusammen. Je mehr ich schreibe, um so besser wird es in der Regel auch. Es ist dann ein Zeichen dafür, dass ich mich nix scheiß. Das funktioniert auch deswegen in der Früh am besten, weil man da noch nicht ganz wach und kontrolliert ist.

Und die Regel, dass man dort aufhören soll, wo man am nächsten Tag weiß, wie's weitergeht, beherzigen Sie auch?

Haas: Ach, da frisst mich gleich der Neid! Das sind offenbar lauter Autoren, die konstant gut drauf sind. Bei mir gibt's ganz viele Zwischentiefs, in denen ich mich vorne und hinten nicht mehr auskenne und drei Wochen nichts schreibe.

Schreiben Sie von A nach Z?

Haas: Am Anfang auf jeden Fall. Dann gibt's aber immer wieder Passagen, die man nicht schreiben will. Da mache ich mir dann eben eine "Noch auszuführen"-Notiz.

Was wäre das?

Haas: Das sind bei mir eindeutig handlungsund beschreibungsintensive Stellen. Solche, die ich auch nicht gerne lese. Da weiß ich schon im Vorhinein, dass das nur gut wird, wenn ich zuerst 20 Seiten schreibe und die dann auf eine halbe zusammenkürze. Das freut mich halt oft nicht.

Den Plot legen Sie im Vorhinein fest?

Haas: Ich mache mir ein Konzept und halte mich nicht dran. Es war noch bei jedem Buch so, dass ich unterwegs aus einer Nebenbemerkung die Haupthandlung gemacht habe. Im Schreiben kommt man einfach auf bessere Ideen, als wie wenn man kalt drüber nachdenkt. Ich habe auch so einen kindlichen Trotz gegen das gut Gemachte. In jedem Drehbuchseminar würde mir der Lehrer sagen: "Haas, so geht das nicht!" Und ich antworte: "Des schau ich mir an!" Da laufe ich dann zur Hochform auf. Mich hat auch immer tiefstes Unbehagen erfasst, wenn ich mit Filmleuten zu tun hatte und es darum ging, "einen Stoff zu entwickeln". Das klingt für mich so ungeil. Ich möchte meinem Stoff zu nahe kommen, einen Hass und eine Freude verspüren und nicht professoral was entwickeln.

Beim Finale von "Müll" haben Sie jedenfalls alle Register gezogen, das ist praktisch Italo-Western.

Haas: Dass es auf diesen großen Showdown hinausläuft, habe ich gewusst. Es war aber nicht so leicht, weil ich ja jeder Figur einen Grund geben muss, sich an diesem Ort einzufinden. Kurz vor dem Fertigwerden bin ich draufgekommen, dass ausgerechnet der Brenner keinen hat. Und das ist eigentlich das Beglückendste am Schreiben; ich liebe daran eigentlich nur den Moment, in dem man zwei Schwächen so kombiniert, dass sie sich zu einer Stärke addieren. In dem Falle war es so, dass ich diesen tauben Müllfahrer hatte, den ich total mochte, für den ich aber keine wirkliche Verwendung hatte. Und auf einmal war das genau die Figur, die mir den Plot gerettet hat.

Sie haben sich überhaupt einiges herausgenommen, was eigentlich verboten ist. Sprechende Namen zum Beispiel

Haas: Ich hasse sprechende Namen! Aber ich schwöre, bei allem, was mir heilig ist, dass es genau umgekehrt war. Der Name war zuerst da und wurde später "sprechend". Eigentlich hätte ich den ändern müssen, damit es nicht nach "origineller Idee" aussieht.

Warum haben Sie es nicht getan?

Haas: Weil es total schwer ist, Namen zu ändern. Ich bin immer froh, wenn ich einen finde, der passt. Jetzt habe ich eine Figur, die Kopf, und eine, die Tobias heißt -ich finde, das sind gute, neutrale Namen. Ich kann's nicht wirklich begründen, aber Iris klingt einfach irre gut. Ein deutscher Kritiker hat einmal geschrieben, er wolle keinen Berlin-Roman mehr lesen, in dem jemand Luna heißt. Und eine Ronja oder Lucy kann ich in einem Brenner-Roman einfach nicht brauchen.

Der Brenner heißt so, weil...

Haas: Ich kann mich nicht mehr wirklich erinnern. Er sollte jedenfalls nicht zu rustikal oder besonders wirken. Ich finde ihn nach wie vor gut.

Was war die auslösende Idee für "Müll"?

Haas: Das sollte ursprünglich ein Roman über Menschen werden, die sich von Dingen trennen und aus unterschiedlichen Gründen auf den Mistplatz fahren. Und da hat mich die nummerierte Ordnung fasziniert, die dort herrscht. Im ersten Brenner-Roman ging es ja um zwei Tote auf einem Sessellift, und auch da war die Nummerierung das auslösende Moment. In meiner Kindheit waren die Sessel nämlich nummeriert, und man konnte sozusagen mit dem eigenen Sessel um die Wette fahren und schauen, wer als Erster wieder unten ist.

Warum haben Sie Ihren ursprünglichen Plan wieder verworfen?

Haas: Nachdem ich ein paarmal auf dem Mistplatz war, habe ich mir gedacht: Das ist eine totale Brenner-Welt, und es wäre echt blöd von mir, das zu verschenken. Jeden von den Typen, die da herumgestanden sind, hätte man für eine Brenner-Verfilmung casten können.

Ist das eigentlich ausgemacht, dass jeder Roman verfilmt wird?

Haas: Nein, das war noch nie so. Das wurde für jeden Roman einzeln entschieden.

Altert der Brenner?

Haas: Ich habe mich diesmal um die Frage herumgeschwindelt. Es heißt am Anfang ja, dass die Geschichte schon ein paar Jahre her ist. Das habe ich aber nur deswegen geschrieben, damit ich Corona nicht abhandeln muss. Wobei der ganze Roman ein Projekt war, um mich im Lockdown selbst zu unterhalten.

Sie sind eh nicht der Partytiger-Typ, oder?

Haas: Das nicht, aber im ersten Lockdown waren wir doch alle überschattet, und ich habe nach etwas gesucht, das mich aufmöbelt. Ursprünglich war der Brenner zehn Jahre älter als ich und ist mit mir mitgealtert. Mittlerweile habe ich kein Problem damit, die Realität zu beugen und ihn irgendwann zu überholen. Außerdem hat er ohnedies etwas Geisterhaftes und zum Beispiel nie eine eigene Wohnung.

Sein Bettgehertum, das in "Müll" beschrieben wird, das gibt es wirklich?

Haas: So häufig, wie ich im Roman behaupte, wird das nicht vorkommen, aber diese stillen Mitbewohner gibt es tatsächlich.

Die Vorstellung, heimlich in fremden Wohnungen zu leben, hat generell etwas Gespenstisches. Airbnb wäre die offene Form, das zu praktizieren.

Haas: Das finde ich immer ganz angenehm.

Es gibt auch die Form des zeitlich begrenzten Wohnungstausches.

Haas: Das habe ich noch nie gemacht. Anhand dieses Denkbeispiels kann man aber feststellen, ob man eher Voyeur oder Exhibitionist ist. Ich falle eindeutig in die erste Kategorie, denn ich würde lieber in einer fremden Wohnung wohnen, als dass ich jemand in meiner Wohnung wohnen ließe.

Es kommt dann in der Wohnung aber doch zu einer Konfrontation des Brenner mit der Besitzerin, Frau Rossi. Die ist fast meine Lieblingsfigur. Ich stelle sie mir sehr attraktiv vor.

Haas: Das soll mir recht sein!

Es kommt auch zu einer Art sexloser S/M-Szene im Bett.

Haas: Es ist der erste Brenner-Roman, der praktisch frei ist von Bettgeschichten, und trotzdem ist er noch nie so lange im Bett gewesen.

Ein Love-Plot und Sexszenen müssen aber sein?

Haas: Wenn man seine Figuren ernst nimmt, kann man das nicht ganz auslassen. Ich würde sagen, dass es bei mir in einem "natürlichen Ausmaß" vorkommt. Ich habe aber mal eine Lehrerin gefragt, warum in der Schule immer nur "Der Knochenmann" gelesen wird. Worauf sie meinte, dass da die wenigsten Sexszenen vorkämen.

Ist das so? Im Film geht 's doch ganz wesentlich um Sex?

Haas: Es gibt eine super Szene, in der Birgit Minichmayr und Josef Hader sehr schnellen Sex absolvieren, und die kommt im Roman nicht vor.

Haben Sie bei den Filmbesetzungen ein Mitspracherecht?

Haas: Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich den Hader vorgeschlagen habe und es sofort hieß: "Das wäre super, aber der nimmt gar nichts an." Das war ein Glücksgriff. Ansonsten habe ich mit dem Casting nichts zu tun.

Aber Sie schrieben gemeinsam mit Josef Hader und dem Regisseur Wolfgang Murnberger?

Haas: Ja. Wobei ich eindeutig die Nummer drei war.

Wie hat man sich das vorzustellen?

Haas: Einer hat die Version vom anderen gekriegt, hat versprochen, es ein bissl zu überarbeiten, und gibt dann eine völlig neue Fassung zurück. Dass wir das geschafft haben, ohne uns in die Haare zu kriegen, ist eigentlich eine bemerkenswerte Leistung.

Ist es leicht, beim Schreiben in den Brenner-Modus zu finden?

Haas: Der Sprachgestus ist gleich da, aber vielleicht habe ich jetzt etwas mehr Skrupel.

Eine Altersfrage?

Haas: Wahrscheinlich.

Im besten Falle lässt da der Narzissmus und die Neigung, alles super zu finden, was man macht, etwas nach.

Haas: Das stimmt.

Fehlleistungen spielen in den Brenner-Romanen oft eine handlungstragende Rolle. Jemand verhört sich oder spricht etwas falsch aus...

Haas: Das liegt vermutlich wirklich daran, dass ich eine naive Freude an Sprachfehlern habe. Ich finde es erfrischend, wenn man die Grammatik falsch verwendet.

Bei Ihnen hat das aber oft eine erotische Komponente: dass Frauen Ausspracheeigenarten aufweisen, einen bestimmten Dialekt sprechen...

Haas: Jeder Makel birgt zugleich einen Reiz. Das gilt auch für Sprachfehler.

Die Zahnlücke kommt auch wieder vor.

Haas: Tatsächlich?

Selbstverständlich. Diesmal allerdings bei einem Mann.

Haas: Ach ja, der Udo!

Die Schneidezahnlücke, das Diastema, war schon in "Wie die Tiere" ein recht prominentes Thema.

Haas: Wahrscheinlich ist es schierer Neid. Bei mir stehen sie nämlich leider übereinander.

Wird es weitere Brenner-Romane geben?

Haas: Ein Schweizer Journalist hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Abstände der letzten beiden fünf und acht Jahre waren und dass daher der nächste, der Fibonacci-Folge entsprechend, in 13 Jahren erscheinen müsste. Das ist eigentlich eine ganz gute Ansage.

Klaus Nüchtern in Falter 9/2022 vom 04.03.2022 (S. 34)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783455014303
Erscheinungsdatum 02.03.2022
Umfang 288 Seiten
Genre Belletristik/Krimis, Thriller, Spionage
Format Hardcover
Verlag Hoffmann und Campe
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