Shuggie Bain

Booker Preis 2020
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Für seinen Roman „Shuggie Bain“ wurde Douglas Stuart mit dem Booker Preis 2020 ausgezeichnet. „Das beste Debüt, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.“ (Karl Ove Knausgård) „Dieses Buch werdet ihr nicht mehr vergessen.“ (Stefanie de Velasco)
Shuggie ist anders, zart, fantasievoll und feminin, und das ausgerechnet in der Tristesse und Armut einer Arbeiterfamilie im Glasgow der 80er-Jahre, mit einem Vater, der virile Potenz über alles stellt. Shuggies Herz gehört der Mutter, Agnes, die ihn versteht und der grauen Welt energisch ihre Schönheit entgegensetzt, Haltung mit makellosem Make-up, strahlend weißen Kunstzähnen und glamouröser Kleidung zeigt - und doch Trost immer mehr im Alkohol sucht. Sie zu retten ist Shuggies Mission, eine Aufgabe, die er mit absoluter Hingabe und unerschütterlicher Liebe Jahr um Jahr erfüllt, bis er schließlich daran scheitern muss. Ein großer Roman über das Elend der Armut und die Beharrlichkeit der Liebe, tieftraurig und zugleich von ergreifender Zärtlichkeit.

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FALTER-Rezension

Stolz ist die Maske der Scham

Es gibt in diesem an eindringlichen Szenen wahrlich nicht armen Roman eine, die schon allein deswegen in Erinnerung bleibt, weil sie sämtliche Sinne involviert. Und natürlich, weil sie komplett irrsinnig ist. Wir befinden uns im Jahr 1981 in Glasgow in einer jener Betonburgen, die Mitte der 1960er-Jahre anstelle der alten, von der Stadtregierung abgerissenen Slums hochgezogen wurden. Dass die 39-jährige Agnes Bain mit ihren drei Kindern in der elterlichen Wohnung unterkommen muss, ist für sie so schmachvoll, dass die Fantasie, einfach vom Balkon zu kippen, durchaus verlockend scheint.

Aber dann nimmt Agnes mit ihrem fünfjährigen Sohn Shuggie ein Vollbad und beschließt, mit diesem Party zu machen. Zur Musik aus dem eiernden Kassettenrekorder führt Shuggie zu ihrem Gaudium einen verlässlich neben dem Takt liegenden Zappeltanz auf. Doch plötzlich kippt die Stimmung. Durch die papierdünnen Wände kann Agnes nicht nur den Fernseher und das Gelächter ihrer Eltern, sondern auch das Klimpern der Münzen im Hosensack von Shuggies heimgekehrtem Vater hören.

Sie fegt die Parfumfläschchen von der Kommode und die Lampe, die ihrem nun von unten beleuchteten Gesicht gespenstische Züge verleiht: „Dann streckte sie elegant den Arm aus und hielt die glühende Zigarette an die Vorhänge. Shuggie sah zu, wie der Stoff zu schwelen begann und grauer Rauch aufstieg. Er wand sich, als der Rauch mit einem Seufzer zu einer orangen Flamme aufblühte. Mit dem freien Arm hielt sie ihn fest. ,Schsch. Sei ein großer Junge für deine Mammy.‘ […] Das Feuer kletterte die synthetischen Vorhänge hinauf und schlug an die Decke. Dunkler Rauch schoss in die Höhe, als wollte er vor den gierigen Flammen fliehen. Shuggie hätte Angst gehabt, aber seine Mutter war ganz ruhig, und das Zimmer war noch nie so schön gewesen.“

„Der liebe Gott steckt im Detail“, wusste der Kulturwissenschaftler Aby Warburg, und das weiß auch Douglas Stuart. Nicht zuletzt wegen seiner ebenso liebevoll wie präzise ausgestatteten Szenen und Settings ist sein Debüt „Shuggie Bain“ ein, wenn nicht der Roman des Jahres. Das gilt freilich nur für die deutsche Übersetzung, denn im Original ist das Buch des damals 44-jährigen Spätzünders bereits 2020 erschienen – und wurde prompt mit dem Booker Prize, dem bedeutendsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt, ausgezeichnet.

Davor hatten freilich ganze 32 Verlage den Roman abgelehnt. Er habe, so erzählt Stuart, der an einem fast noch spätsommerlichen Oktobertag in der Münchner Villa seines deutschen Verlags Interviews gibt, ganze Waschkörbe voller schmeichelhafter Ablehnungsschreiben erhalten: „Es waren Briefe darunter, in denen mir die Verleger schrieben: ,Das Buch wird den Booker Prize bekommen, aber ich habe keine Ahnung, wie ich es veröffentlichen soll.‘“

Die „Mittelschichtsverlage“, wie Stuart sie nennt, waren überfordert. Dabei sind die klassistischen Ressentiments in den letzten Jahrzehnten durchaus weniger geworden. Als der ebenfalls aus Glasgow stammende James Kelman für seinen aus der Perspektive eines Unterschichtsangehörigen erzählten Stream-of-Consciousness-Roman „How Late It Was, How Late“ 1994 den Booker Prize zugesprochen bekam, hatte das noch für einen veritablen Skandal gesorgt. „Literarischer Vandalismus“, lautet eines der zahlreichen ungnädigen Urteile, und die Jurorin Julia Neuberger bezeichnete die Entscheidung gar als „Schande“: „Sie war ein gigantischer Snob und konnte es einfach nicht fassen, dass ein Buch, das nicht im Queen’s English verfasst ist, eines Literaturpreises für würdig befunden wird“, urteilt Stuart.

Ein Vierteljahrhundert später hatte es Stuart selbst, der Kelman als großes Vorbild bezeichnet, schon wesentlich leichter: Die Jury brauchte keine halbe Stunde, um ihm einstimmig den Booker Prize zuzusprechen. Der Autor selbst ist so bescheiden, dafür nicht die Qualität seines Romans, sondern die gestiegene Akzeptanz gegenüber Dialekt und Umgangssprache in der Literatur verantwortlich zu machen. Und die trägt in der Tat wesentlich zum Reiz des Romans bei, konfrontiert allerdings auch die Übersetzerin – wie stets in solchen Fällen – mit der nachgerade unbewältigbaren Aufgabe, den sozial und regional determinierten Slang einer Fremdsprache in ein einigermaßen adäquates Idiom der Zielsprache zu transferieren.

Working Class Glaswegian ist ein hartes Stück Brot, aber wer „Shuggie Bain“ im Original liest, beißt sich dann doch erstaunlich schnell durch, wenn er erst einmal geschnallt hat, dass „boak“ für „Kotze“ steht. Wie man überhaupt sagen muss, dass Körperflüssigkeiten bei Douglas Stuart so reichlich fließen wie sonst nur beim niederländischen Marathonepiker A.F.Th. van der Heijden.

Als Shuggies Vater, der Agnes misshandelt und schon vor Jahren verlassen hat, seinen mittlerweile elfjährigen Buben überraschend in dem deprimierend desolaten Bergbau-Kaff Pithead besucht, in das die Familie gezogen ist, lässt er diesem auch ein paar sexualpädagogisch aufmunternde Worte zukommen: „It’s a grand age to be sticking yersel into a lassie’s bread bin, as ye’ve got a couple of mair years afore any harm can come of it“, lauten sie im schottischen Original. In der deutschen Übersetzung von Sophie Zeitz liest es sich dann so: „Tolles Alter, deinen Wiener inne Brotbüchse vonne Mieze zu stecken, wode nochen pah Jährchen hast, bevor was passieren kann.“

Im Übrigen kapiert Shuggie nicht einmal ansatzweise, was ihm sein Alter da überhaupt sagen will. Und Big Shug seinerseits ahnt natürlich nicht im Geringsten, dass sich sein Sohn zumindest unterleibstechnisch rein gar nichts aus Mädchen macht und von den gehässigen Schulkollegen ständig als „Schwuchtel“ beschimpft wird; was Shuggies älteren Bruder Alexander, Leek genannt, dazu bringt, dem stets makelloses, von allen andern als „posh“ empfundenes Englisch parlierenden Shuggie ein wenig Erziehung zur Männlichkeit angedeihen zu lassen: „,Also, erstens, sag nie wieder das Wort widerlich. Kleine Jungs sollen nicht wie alte Frauen reden. […] Und du musst daran arbeiten, wie du gehst. Versuch nicht so zu schlenkern. Das ist, als wür-dest du dir ne Zielscheibe auf den Rücken malen.‘ Leek imitierte übertrieben Shuggies Gang. Er drehte die Fußspitzen nach außen, schwang die Hüften hin und her und schlenkerte mit den Armen, als hätte er keinen Knochen. ,Du darfst die Beine nicht überkreuzen, wenn du gehst. Versuch Platz für deinen Schwanz zu machen.‘“

So wie sein Protagonist war auch Doug-las Stuart selbst ein schwuler Arbeiterklassensohn einer schwer alkoholabhängigen Mutter, die starb, als er 16 Jahre alt war. Aber er legt großen Wert darauf, dass „Shuggie Bain“ ein Roman und keine Auto­fiktion ist: „Es ist definitiv Literatur. Es gibt Räume darin, die ich nie betreten habe, Welten, denen ich nie begegnet bin. Es war mir wichtig, das Medium der Fiktion nutzen zu können, um mir über die Motive und Beweggründe dieser Menschen klar zu werden.“

Glasgow sei „kein sonderlich homophobes Pflaster gewesen“, erinnert sich Stuart. „Es war bloß so, dass in den 80er-Jahren queere Menschen generell auf keinerlei Schutz oder Respekt zählen durften. Nicht unbedingt, weil alle anderen böse waren, sondern weil sie es nicht besser wussten. Selbst Shuggies Mutter, Großmutter und sein Bruder, die ihn alle lieben, möchten, dass er ,normal‘ wird, weil sie einfach keine Zukunft für ihn sehen. Dass man als schwuler Mann ein glückliches Erwachsenenleben führen kann, ist eine relativ neue Vorstellung.“

„Intersektionalität“ lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für das Phänomen, dass verschiedene Diskriminierungsformen wie etwa Sexismus, Rassismus oder Klassismus sich überschneiden und einander verstärken. Auch davon handelt „Shuggie Bain“. Douglas Stuart: „Shuggie und Agnes sind beide einsam – und der Grund ist ihre Weiblichkeit. Agnes ist eine sehr glamouröse Frau, sie ist Technicolor in einer grauen Landschaft, in der Mütter einfach nur Mütter sein und keinen Nerzmantel besitzen sollten. Sie wandelt auf sehr dünnem Eis. Und Shuggie ist meilenweit von dem entfernt, was als ,maskulin‘ akzeptabel ist. Die Homophobie, die ich erlebt habe, war tatsächliche eine Form von Misogynie. Sie war überhaupt nicht religiös konnotiert. Die Sache war nicht, dass man dafür in die Hölle kommen würde, die Frage war: ,Warum willst du wie ein Mädchen sein?‘“

Unter Frauen fühlt sich Shuggie viel wohler; sei es das wunderbar patente „limonadenhaarige Mädchen“ mit der Lücke zwischen den Schneidezähnen, das ihn gegenüber seinen Peinigern in Schutz nimmt; sei es Leanne, mit der ihn nach seiner Rückkehr nach Glasgow eine innige und rührende Freundschaft verbindet; seien es die Freundinnen der Mutter, die in einer grandiosen Szene zu Beginn des Romans halbnackt und angetan mit neuen BHs aus dem Versandhauskatalog zusammensitzen, sich mit Dosenbier zumachen und in lasziven Erinnerungen an die straffen Brüste ihrer Jugend schwelgen.

Die Küche, der Vorgarten oder die Bingo-­Halle zählen zu den wenigen Orten, an denen sich Frauen überhaupt auf- und unterhalten können, so wie es noch in den 1980er-Jahren für eine Frau unmöglich war, alleine ins Pub zu gehen. In Pithead, dem einzigen Ort des Romans mit einem fiktiven Namen, gibt es keines, sondern nur den Bergarbeiterklub. Bloß, dass es im Bergbau keine Arbeit mehr gibt, wie Agnes’ taffe Nachbarin Bridie erklärt: „Nen Kurort isset nich grade, dat war früher mah. […] Von Jahr zu Jahr hocken mehr Männers zu Hause und holen sich am helllichten Tach einen runter.“

Die Männer – neben dem gewalttätigen Weiberer Big Shug gibt es noch den ebenfalls als Taxifahrer arbeitenden Eugene, der die zwischenzeitlich abstinente Agnes aus schierer Blödheit wieder in den Alkoholismus treibt – hat der Autor bewusst ein wenig an die Peripherie gerückt.

Im Laufe der zehn Jahre, die der hauptberuflich in der gnadenlosen New Yorker Modebranche tätige Stuart an dem Roman gearbeitet hat und sich jede Stunde fürs Schreiben absparen musste, habe er aber zusehends mehr Verständnis und Sympathie für seine erwachsenen männlichen Figuren entwickelt: „Man muss sich das schon vor Augen halten: Unsere Väter und Großväter sind in die Erde hinabgestiegen, sind in der Finsternis auf dem Bauch gelegen, haben einen Kohlenstoß weggehackt und konnten dabei jederzeit umkommen. Sie haben nicht viel Geld verdient und wurden schließlich von der Regierung im Stich gelassen und als wertlos abgetan.“

Es ist auch ein Stück schlechtes Gewissen, das aus Stuart spricht. „Wir haben uns nicht um die seelische Gesundheit der Männer geschert. Wir haben sie nie danach gefragt, ob sie vielleicht lieber auf einer Farm, auf dem Jahrmarkt arbeiten oder vielleicht Dichter werden wollen. Kein Wunder, dass sie nicht nur hart gearbeitet haben, sondern auch schwer getrunken, sich geprügelt haben und hart in der Liebe waren. Wir schenken der Verletzlichkeit von Männern, ihren Gefühlen und Wünschen nicht genug Beachtung. Insofern ist dieses ständige Gerede von der ,toxischen Männlichkeit‘ auch ein bisschen unfair.“

Er verdanke den Roman vor allem den Erinnerungen seiner Mutter, schreibt Stuart in der Danksagung. Im Alter von sieben, acht Jahren sei er, so erzählt er im Interview, zu deren Füßen gesessen und habe sich von ihr, die meistens schon ziemlich betrunken war, gleichsam ihre Autobiografie diktieren lassen. Inklusive der Widmung: „Für Elizabeth Taylor, die keine Ahnung von der Liebe hat.“ Diese stets gleich lautende Zeile sei seiner Mutter sehr wichtig gewesen: „Als Bub hatte ich natürlich keine Ahnung, worum’s ging, aber heute verstehe ich es: In ihrer ganzen Karriere hat Taylor nur aufsässige, beschädigte und zornige Frauen gespielt. Sie hatte ein Alkoholproblem und eines mit allen ihren Männern. Aber sie wurde dafür gefeiert. Eine katholische Mutter aus der Unterschicht würde für die gleichen Dinge runtergemacht werden! Meine Mutter hat sich einfach ungerecht behandelt gefühlt.“

An seinen Vater, der die Familie verlassen hat, als er vier Jahre alt war, hat Stuart keinerlei Erinnerungen. Er habe dessen Abwesenheit auch nicht als Verlust empfunden. In „Shuggie Bain“ geht es zwar um Verlassen- und Alleingelassenwerden, aber der Roman ist kein Vater-, sondern eindeutig ein Mutterbuch.

Allerdings, so mutmaßt Stuart mit einem Augenzwinkern, müsse er wohl nach seinem Vater geraten sein: „Ziehen Sie keine falschen Schlüsse: Meine Mutter war eine sehr schöne Frau! Außerdem hatte sie diese unglaubliche Superpower: Was auch immer gerade zuhause los war, sie sah immer makellos aus. Wir Kinder waren übrigens auch wie aus dem Ei gepellt. Wenn es darum ging, die Fassade aufrechtzuerhalten, hat meine Mutter ziemlichen Druck gemacht. Deswegen spielt das auch in ,Shuggie Bain‘ eine so große Rolle. Stolz und Scham liegen sehr nahe beieinander. Stolz ist die Maske der Scham, richtig? Wir haben uns nie dafür geschämt, der Arbeiterklasse anzugehören, sondern nur dafür, arm zu sein.“

Klaus Nüchtern in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 30)

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Produktdetails
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ISBN 9783446271081
Erscheinungsdatum 23.08.2021
Umfang 496 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Übersetzung Sophie Zeitz
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